Das Haiku ist die kürzeste literarisch anerkannte Gedichtform der Welt, es gibt kaum eine Sprache oder ein Land, in dem nicht Haiku geschrieben und gelesen werden. Es ist die populärste Lyrikform, die jährlich Tausende von eigens ihr gewidmeten Zeitschriften füllt und zu unzähligen Wettbewerben anstiftet.

Das Haiku entstammt der japanischen Literatur und hat sich dort seit dem 9. Jahrhundert aus dem fünfzeiligen Tanka (5-7-5-7-7 Silben) und der populären Renga-Dichtung des 14. Jahrhunderts entwickelt. Der größte japanische Haiku-Dichter Matsuo Bashô gab dem Gedicht im 17. Jahrhundert  seine noch heute gebräuchliche anspruchsvolle inhaltliche Prägung und verhalf ihm zu einer ungeahnten Blüte.

Für ein Haiku gilt grundsätzlich die Form von drei Zeilen mit je 5 –7 – 5 Silben. Es beschreibt ein Naturerlebnis in einer bestimmten Jahreszeit, wobei diese auch durch ein Jahreszeitenwort (z.B. Knospen für Frühling) angedeutet werden kann. Die Wahrnehmung entwickelt sich in der ersten Zeile, strebt einer Gedankenpause in der Mitte oder am Ende der zweiten Zeile zu ehe es sich der oft überraschenden Lösung in der dritten Zeile zuwendet. Die Gedankenpause kann durch ein Satzzeichen gekennzeichnet sein (z.B. auch Bindestrich) und wird durch ein Schneidewort bedingt.

Um der Gefahr reiner Bildbeschreibung oder gedankenlyrischer Kommentare zu entgehen, bedarf es in diesem so kleinen Gedicht einer spürbaren Bewegung. Diese wird erreicht durch den Gebrauch von Verben in der Gegenwartsform und durch die Gestaltung von zwei Polen die in einer gewissen Spannung zueinander stehen (z.B. Eis – Wasser). Das Kurzgedicht erfordert hohe sprachliche Disziplin und einen mittragenden Rhythmus.

Zu vermeiden sind Reime, Worttrennungen über das Zeilenende hin, Fremdwörter und Wortwiederholungen. Der Autor sollte sich selber ganz zurücknehmen, seine Darlegung sollte nur dem Geschehen gelten und keine Meinungsäußerung oder philosophische Schlussfolgerung sein. Nur so erreicht das Gedicht die ihm innewohnende Transzendenz und seine Offenheit zum Ende hin, die es auch dem Leser (Hörer) erlauben, das Erlebnis nachzuvollziehen und mit eigenem Empfinden zu füllen. Tipps, um selbst Heiku zu verfassen, findet man hier.

Eine Spielart des Haiku ist das Senryu,  bei dem nicht die Natur, sondern das seelische Erleben im Vordergrund steht.



 

Kalender (Haiku/Senryû)
von Thomas Groß

Kalenderblatt
täglich hat es einen Text -
aus Altpapier gemacht

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Deine Meinung zum Gedicht

Ergebnisse

Î

Senryû
von Thomas Groß

die Gitarre klingt
Nacht zerfließt in Sehnsüchten
Stürme verstummen

Î

Luna (Haiku)
von Thomas Groß

wandelnder Trabant
groß ist dein Einfluss auf uns -
stiller Gang der Zeit

Í

Mond im Visier (Senryû)
von Thomas Groß

im Kreuz aufgehend
leuchtest mir die Nacht voraus
Start der Flugzeuge

Î

Vorweihnacht (Senryû)
von Thomas Groß

erleuchteter Baum
Nadeln wiegen den Schnee
und meine Seele

Í

Senryû
von Claudia Hinz

Auf zum Gipfelsturm
Der Sieger wird Verlierer sein
Der Weg ist das Ziel

Ô

Haiku
von Claudia Hinz

Tautröpfchen glitzern
im herbstlichem Licht der Sonne
eh sie drin verglühn

Ò

Haiku
von Claudia Hinz

farbige Blätter
schweben dem Herbst entgegen
der Tanz des Todes

Ò

Haiku
von Claudia Hinz

strahlende Sonne
scheint auf den Gipfeln der Berge
über den Wolken

Î

Senryû
von Claudia Hinz

Blick in's Paradies
inmitten der leuchtenden Pracht
lodert ein Feuer

Ô

Haiku
von Ramona Linke

ruhig der weiher -
grashalme berühren sacht
schäfchenwolken

Í

unbedeutend (Haiku)
von Thomas Groß

ferner großer Mond
strahlst in manch klaren Nächten
ein Blatt deckt Dich ab

Î

flippen (Senryû)
von Thomas Groß

im Takt der Ringe
Steine auf dem Wasser und
Wolken zerfließen

Í

Dito (Senryû)
von Thomas Groß

ein Moment für Dich
unsere Lebenswege
Ewigkeit in mir

Ó

Phänomen (Haiku)
von Thomas Groß

tödliche Strahlen
schickt die Sonne zur Erde-
Nordlichter bei Nacht

Ò

Bam (Senryû)
von Thomas Groß

die Erde bebte
aus Menschen werden Zahlen-
endlose Stille

Ó

Wahre Freundschaft (Senryû)
von Thomas Groß

verkannte Freundin
immer auf Kriegsfuß mit Dir-
Du bist so direkt

Í

Vereint (Senryû)
von Thomas Groß

Vater Abraham
Moslems, Juden und Christen-
vereint im Glauben

Ô

Verstummen (Senryû)
von Thomas Groß

Stifte zum Schreiben
liegen in jedem Zimmer-
die Minen sind leer

Ó

Senryû
von Thomas Groß

das Plüschtier knuddeln-
einsames Wachen bei Nacht
der Partner schläft schon

Ô

Besen (Senryû)
von Thomas Groß

Du räumst bei mir auf
jede Ecke birgt Neues-
perfekt das Chaos

Í

Einheit (Haiku)
von Thomas Groß

grenzenlose Welt-
die Harmonie des Lebens
bricht alle Schranken

Ò

Geschenk (Haiku)
von Thomas Groß

eine kleine Hand
zum Geben ward geboren-
groß das Herz dazu

Ô

Senryû
von Thomas Groß

der Egoismus
frißt sich durch unsere Welt-
hier ist meine Hand

Ô

Haiku
von Thomas Groß

blühende Landschaft
die Farben in voller Pracht-
dabei ist's ein Bild

Ò

Haiku
von Thomas Groß

Perseidenzeit
 in der Mitte des August's-
sichtbares Verglüh'n

Î

Senryû
von Thomas Groß

verlorene Welt
meine Seele will fliehen-
gefundenes Ich

Ó

Senryû
von Thomas Groß

Zeit spiegelt ihr Grau
jeden Morgen auf mein Haar-
wo ist die Tönung?

Ò

Haiku
von Thomas Groß

Lachse aus dem Meer
schwimmen gegen die Strömung-
Süßwassergeburt

Ô

Senryû
von Thomas Groß

Gedankensprünge
treiben meinen Geist voran-
ein Gedicht entsteht

Í

Senryû
von Thomas Groß

Nachts im schicken Kleid
ist sie in den Clubs ein Star-
tagsüber ein Mann

Î

Senryû
von Thomas Groß

gehörloser Mensch
von Hand gemalte Worte-
Gebärdensprache !

Ó

Haiku
von Thomas Groß

aus einem Staubkorn
geboren all das Streben
Wasser des Lebens

Ô

Haiku (für den liebsten Freund)
von Thomas Groß

Moment des Glückes
Probleme zehren Dich auf
ich trag' Deine Last

Ò

Haiku
von Thomas Groß

lebhaftes Treiben
Rascheln wohin ich gehe
Spaziergang im Wald

Î

Senryû
von Thomas Groß

still ist es um uns
wir liegen im hohen Gras
laut pochend mein Herz

Ó

Haiku
von Thomas Groß

Baumstämme folgen
dem Wasser weiter zum Meer
Boote nicht immer

Î

Haiku
von Thomas Groß

starke Gefühle
trotzen in dunkelster Nacht
wie Fackeln im Sturm

Ò

Haiku
von Thomas Groß

Blüten der Bäume
fallen nieder zur Erde
fern der Erntezeit

Ô

Haiku
von Thomas Groß

aus Wolkentürmen
jagen Blitze durch die Nacht
der Sommer beginnt

Í

Haiku
von Thomas Groß

im tiefen Wasser
landet ein Kerzenspringer
von ganz weit oben

Î

Haiku
von Thomas Groß

fliehe Wolkenfisch
weiter in das tiefe Blau
begleitet vom Wind

Ó

Haiku
von Thomas Groß

ein weinender Stern
unentwegt fragend im All
Mutter der Erde

Ò

Haiku
von Thomas Groß

durch das Sonnenlicht
werfen dichte Baumkronen
Schatten zum Boden

Í

Haiku
von Thomas Groß

lachendes Gesicht
gelblich leuchtend in der Nacht
es ist Vollmondzeit

Ô

Haiku
von Jens Arnold

Ein schlafender Baum,
wacht auf aus der Winterruh',
fängt an zu tanzen.

Ò

Senryû
von Thomas Groß

silberne Flügel
hoch oben am Himmelszelt
Träume werden wahr

Ô

Senryû
von Thomas Groß

Regen im Gesicht
verloren auf dieser Welt
mancher Tage lang

Í

Senryû
von Thomas Groß

Mars zeig' Dein Gesicht
in gigantischen Stürmen
blutroter Bruder

Î

Senryû
von Thomas Groß

Angst in dunkler Nacht
Sterne leuchten nur ganz fahl
verloren mein Selbst

Ó

Haiku
von Thomas Groß

Ein Netz im Fenster
Wind bewegt es hin und her
Wo ist der Mieter?

Ò

Haiku
von Thomas Groß

Den Wellen lauschend
steinumspülendes Rauschen
 im Ursprung vereint

Í

Haiku
von Thomas Groß

Sommerlich die Nacht
der Himmel so glänzend hell-
Mond im Wasser kühl

Î

Haiku
von Paul-Gerhard Schank

Scheint auch nur Bleichmond
Sanft mildernd die Finsternis
Spiegelt er Hoffnung

Ï

Haiku
von Paul-Gerhard Schank

Über die Hügel
Wieviel Mal Sonnenaufgang!
Mein Weg durch Nebel

Ð

Haiku
von Michael Höfler

Wenn es auch regnet,
die Sonne, sie scheint immer -
über den Wolken.

Ñ

Haiku
von Lex

Das Blatt sich trennt
schweigend hernieder fällt
ein letzter Blick